Zum besten Essen aller Zeiten

Hören Sie auf Ihren Körpernavigator!

Ende 2018 titelte die FAZ: „Die ErnĂ€hrung sagt heute oft so viel ĂŒber die Persönlichkeit aus wie die Kleidung, das Auto oder die Einrichtung. Was dabei verlorengeht, ist das GefĂŒhl fĂŒr den eigenen Körper.“ Das wĂ€re sehr bedauerlich, denn haben Sie sich schon mal gefragt: „Wer, außer meinem Körper, kann wissen, welches Essen fĂŒr mich gut und gesund ist?“ Die Antwort fĂŒr gesunde Menschen ist einfach: Niemand. Denn jeder Mensch is(s)t anders. Darum ist das Vertrauen in den eigenen Körper die bessere Wahl als Essen nach Regeln, die der Fantasie findiger Forscher entsprungen sind. Voraussetzung dafĂŒr ist natĂŒrlich, dass man einen guten Draht zu seinem Innersten hat, zu den GefĂŒhlen Hunger, Lust, Sattheit und VertrĂ€glichkeit.

Dieses GefĂŒhlsquartett bildet Ihren ganz persönlichen intuitiven Körpernavigator. Wer diese essenziellen Emotionen zur Lebenserhaltung gut kennt, der kann beim Essen auf sein einzigartiges Körperwissen ĂŒber den Wert von Nahrung vertrauen, das mit jedem Essen lebenslang wĂ€chst. Diese „kulinarische Körperintelligenz“ Ihres Köpernavigators ist sozusagen das somatische NahrungsgedĂ€chtnis und wird gespeist aus allen Mahlzeiten, die ein Mensch in seinem Leben zu sich nimmt. FĂŒr die Speicherung der zahlreichen Informationen in dieser „NĂ€hrstoffdatenbank“ hat unser Körper zwei eng verschaltete Gehirne zur VerfĂŒgung, die stĂ€ndig miteinander kommunizieren:

Das Bauchhirn („enterisches Nervensystem“ [ENS], das mit seinen 100 Millionen Nervenzellen mit vier- bis fĂŒnfmal mehr Neuronen als das RĂŒckenmark arbeitet!) und unser Kopfhirn. Das ENS ist ĂŒbrigens ein hochkomplexes „Organ“, an dem viele Wissenschaftler weltweit intensiv forschen. So haben beispielsweise US-Forscher der Duke-UniversitĂ€t in Durham/North Carolina auf Zellen der Darmschleimhaut VerknĂŒpfungsstellen zwischen Nervenzellen („Synapsen“) entdeckt, die ohne Umwege eine direkte Verbindung zum Gehirn herstellen. Die im wissenschaftlichen Topjournal Science vorgestellten Erkenntnisse „machen den Darm gewissermaßen zum grĂ¶ĂŸten Sinnesorgan des menschlichen Körpers“, prophezeite das Deutsche Ärzteblatt im September 2018. Studien allein ĂŒber das ENS könnten BĂŒcher fĂŒllen ...

Sex und Essen lassen sich nicht standardisieren

Jedoch gilt weiterhin unabhĂ€ngig von all diesen Erkenntnissen: Wie fast alles in der ErnĂ€hrungswissenschaft lĂ€sst sich auch die kulinarische Körperintelligenz, ĂŒbrigens ein frei erfundener Begriff, nicht nachweisen. Von ihrer Existenz weiß man nur aus eigener, gelebter Erfahrung. Ein paar Beispiele: Warum ...

... schmeckt dem einen Rosenkohl und Schwarzwurzel, dem anderen jedoch wird davon speiĂŒbel?

... essen manche Menschen gern und viel Vollkornbrot, andere hingegen bekommen davon böse BlÀhungen?

... gibt es passionierte FrĂŒhstĂŒcker genauso wie Menschen, die morgens keinen Bissen runterkriegen?

... mögen manche Fisch und Gambas, andere können damit ĂŒberhaupt nichts anfangen respektive vertragen „Meereskost“ nicht?

... essen Chocoholics unheimlich gern und viel Schokolade, die „SĂŒĂŸaversiven“ aber reizen SĂŒĂŸigkeiten nicht die (Kakao-)Bohne?

... gibt es wahre Chili-Liebhaber, die „ohne scharf nicht leben können“, oder Knoblauch-Aficionados und diejenigen, die scharf ĂŒberhaupt nicht abkönnen und beim Geruch von Knoblauch am liebsten aus dem Fenster springen?

... haben Menschen Lieblingsessen, deren wahren Genuss nur sie selbst erleben können?

Diese Fragenliste ließe sich endlos fortsetzen, aber die Botschaft bleibt stets die gleiche: Jeder Mensch hat sein ganz persönliches Essverhalten mit individuellen Vorlieben und Abneigungen. Allein schon deshalb sind allgemeine ErnĂ€hrungsregeln völliger Nonsens (ganz zu schweigen von fehlenden Beweisen). Genauso gut könnte die fiktive „Deutsche Gesellschaft fĂŒr Geschlechtsverkehr e.V.“ allgemeine Sexregeln einfĂŒhren – idealer Partner, ideale Stellung, beste Dauer, gesundes Umfeld und so weiter. Auch das wĂ€re hanebĂŒchener Blödsinn, denn Sex und Essen sind die beiden elementaren Urtriebe, die sich nicht standardisieren lassen.

Kombiniert mit dem Wissen der fehlenden Beweise aller ErnĂ€hrungsregeln hat die These der „kulinarischen Körperintelligenz“ ein Ziel: ĂŒber das eigene Essverhalten nachzudenken, zu reflektieren, um anschließend als mĂŒndiger EssbĂŒrger mit eigener Meinung zu entscheiden: Glaube ich weiterhin an nicht bewiesene ErnĂ€hrungsregeln, oder vertraue ich beim Essen besser auf meinen eigenen, einzigartigen Körpernavigator? Um es an dieser Stelle deutlich zu sagen: Es geht hier nicht darum, statt der regelkonformen ErnĂ€hrungsweisheit eine andere, nur eben köpervertraute ErnĂ€hrungsweisheit aufzutischen. Diese elementare Entscheidung sollte jeder fĂŒr sich selbst treffen. Denn die „Ess-Wahrheit“ liegt nur in jedem Körper selbst. Es gibt keine gesunde ErnĂ€hrung fĂŒr alle.

Ampeln, Steuern, Bevormundung

„FĂŒnf am Tag“ ist aufgrund seiner langjĂ€hrigen OmniprĂ€senz als „ErnĂ€hrungsregel Nr. 1“ die gefĂŒhlte Speerspitze staatlicher Ess-Erziehungsmaßnahmen – und nur ganz nebenbei: Diese Pflanzenkostkampagne ist aus Sicht der EU-Politiker nur eine Absatzförderungsmaßnahme. Das DeckmĂ€ntelchen der Gesundheit kaschiert diese staatlich geförderte Werbemaßnahme und gibt ihr ein gesellschaftlich akzeptiertes Outfit. Die EU-Fördermittel fĂŒr Absatzwerbung flossen bis 2018 dabei nicht nur – wie gemeinhin gern glaubhaft gemacht – fĂŒr frisches Obst und GemĂŒse, sondern auch fĂŒr verarbeitete Lebensmittel. Und die Fördergelder konnten seinerzeit bei „ernsthaften Marktstörungen“ massiv erhöht werden; wĂŒrde also beispielsweise ein Salatskandal zu AbsatzeinbrĂŒchen fĂŒhren, wĂ€re eine Extra-PR-Kampagne „Gesunder Kopfsalat“ denkbar ...

Neben der „gesundheitsfördernden“ Verkaufsförderung denken sich kreative Köpfe kontinuierlich weitere Maßnahmen zur ErnĂ€hrungsmanipulation der BĂŒrger aus – so beispielsweise die immer wiederkehrende Forderung nach einer NĂ€hrstoffampel auf den Packungen. Rot, gelb, grĂŒn, die farbigen Punkte fĂŒr „gesund/empfehlenswert“ (grĂŒn) und „Achtung, ungesund!“ (rot) entspringen dabei der reinen WillkĂŒr gesundheitsapostolischer ErnĂ€hrungsregulierer. Denn Beweise, dass dieses Farbenspiel irgendeinen Bezug zu Gesundheit oder Krankheit birgt, existieren systembedingt natĂŒrlich nicht.

Daher können wir hierzulande nur begrĂŒĂŸen, dass auch die aktuelle Bundesregierung der 2018er GroKo – das zustĂ€ndige Ministerium fĂŒr ErnĂ€hrung und Landwirtschaft (BMEL) unter Leitung von Bundesministerin Julia Klöckner – diesem notorischen Nonsens noch immer widersteht und die BĂŒrger mit den ideologisch getĂŒnchten Farbklecksen auf Lebensmitteln verschont. Genauso wenig halten die deutschen Politiker von einer Bevormundung der Verbraucher durch Werbeverbote und Strafsteuern auf „ungesunde“ Lebensmittel – und das ist auch gut so! So stellte Gitta Connemann, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, im MĂ€rz 2019 klar: „Der Staat darf nicht vorgeben, was auf den Tellern liegt – auch nicht auf Umwegen wie durch Strafsteuern fĂŒr bestimmte Inhaltsstoffe.“

Stattdessen soll es eine „Reformulierungsstrategie auf freiwilliger Basis“ richten, wonach sich die Lebensmittelindustrie richten soll – nun ja, ein dezenter öffentlicher Mikro-Kotau vor den in aller Öffentlichkeit laut plĂ€rrenden ErnĂ€hrungsaposteln musste es der Form halber dann wohl doch seitens Vater Staat sein („Wir machen was, wir packen es an, wir kĂŒmmern uns“).

Essenssteuern sollen Essen steuern

Immer wieder wird in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden die „Steuer-Sau“ durchs Dorf getrieben: Regierungen oder gesundheitsorientierte Lobbygruppen fordern wiederholt Steuern auf alles, was lecker schmeckt: salz- und zuckerhaltige Lebensmittel, Fast Food, Chips und Softdrinks, Butter und Frittiertes. Diese Forderungen haben eines gemeinsam: Sie spiegeln blinden Aktionismus wider, der auf purer WillkĂŒr basiert, weil ihm jegliche wissenschaftliche Grundlage fehlt (denn es gibt keine ungesunden Lebensmittel). Warum aber tauchen diese Steuerrufe immer wieder auf? Zum einen, weil man sich damit „gutmenschenartig“ in der ernĂ€hrungspropagandistisch geblendeten Öffentlichkeit positiv positionieren kann: Wir kĂŒmmern uns um die Gesundheit der BĂŒrger, indem wir uns gegen ungesunde ErnĂ€hrung engagieren und die „bösen Dick- und Krankmacher“ teuer machen! Zum anderen spĂŒlen neue Steuern frische Gelder in klamme Staatskassen – weil asozialerweise alle BĂŒrger abkassiert werden: Denn nicht nur die „kranken Dicken“ zahlen, sondern auch schlanke Gesunde und alle anderen.

Ein besonders „starkes StĂŒck“ ist die Forderung der Verbraucherschutzministerkonferenz (VSMK), die im August 2018 in der Öffentlichkeit lanciert wurde: Wir wollen Steuern auf „ungesunde Kinderdickmacherlebensmittel“! Dies ist ein Paradebeispiel der dreisten Desinformation des eigenen Volkes.

Weniger ĂŒberraschend ist hingegen, dass niemand weiß, ob eine Zucker- oder Fettsteuer dazu fĂŒhrt, dass Menschen sich anders ernĂ€hren, dĂŒnner oder gesĂŒnder werden. Aber man kennt inzwischen einige „Ausweichverhalten“ der BĂŒrger, wenn man ihnen beim Essen zu tief in den Geldbeutel greift. In DĂ€nemark beispielsweise hat man die Fettsteuer wieder abgeschafft, und zwar aus ganz pragmatisch-pekuniĂ€ren GrĂŒnden: Viele DĂ€nen kauften ihre Butter in Deutschland, sodass der dĂ€nische Staat weniger statt mehr einnahm. Die offizielle ErklĂ€rung lautete: Die hohe Fettsteuer hat keine Wirkung auf das ErnĂ€hrungsverhalten der DĂ€nen gezeigt, und sie belastete Geringverdiener unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig hoch.

WHO – Machterhalt und Deutungshoheit

Besonders eifrig sind Organisationen wie UN und WHO, die jedes Jahr aufs Neue Gesetze und Abkommen gegen Übergewicht und ungesunde ErnĂ€hrung fordern. Fast schon beĂ€ngstigend erscheint dabei die Verbissenheit, mit der gewisse Behauptungen, denen jegliche wissenschaftliche Grundlage fehlt, in die Welt gesetzt werden: Ungesunde ErnĂ€hrung stelle mittlerweile eine noch grĂ¶ĂŸere Gefahr fĂŒr die Gesundheit dar als das Rauchen, erklĂ€rte die damalige WHO-Chefin Margaret Chan im Sommer 2014.

Dabei hatte die WHO erst einige Monate zuvor die Hexenjagd auf Zucker eröffnet. Die Weltgesundheitsorganisation forderte, dass wir unseren Zuckerkonsum drastisch reduzieren sollten, um so Fettleibigkeit und deren Folgeerkrankungen zu bekÀmpfen. Auch wenn es redundant klingt, es muss an dieser Stelle erneut gesagt werden: Es fehlt der wissenschaftliche Beweis, dass Zucker dick oder krank macht.

Ungeachtet dessen hat die WHO im MĂ€rz 2015 eine neue Richtlinie veröffentlicht, in der die Empfehlung fĂŒr den Zuckerkonsum von aktuell 10 Prozent des tĂ€glichen Energiebedarfs auf 5 Prozent halbiert wird. Das heißt konkret: Beim offiziellen weiblichen Durchschnittsbedarf von 2.000 kcal dĂŒrfen 100 kcal aus Zucker sein. Und das ist nicht viel: Eine 0,33-Liter-Dose Cola liefert etwa 145 Zucker-Kilokalorien, 200 Milliliter Apfelsaft circa 90 Fruchtzucker-Kilokalorien. Von SĂŒĂŸwaren, Kuchen und Desserts ganz zu schweigen, und der pure Zucker im Espresso: kĂŒnftig streng limitiert! Auch das Nutellabrötchen mĂŒsste wohl verbannt werden. Und der Honig gleich mit; denn die WHO will jede Art von freiem und zugesetztem Zucker reglementieren, mit Ausnahme von Obst. Dabei ist in Trauben und Orangen der gleiche Fruchtzucker enthalten wie in den entsprechenden FruchtsĂ€ften.

Das alles klingt nach purer WillkĂŒr ohne jede fachliche Grundlage. Jeder kritische BĂŒrger darf und sollte sich natĂŒrlich fragen: Was zum Teufel soll das? Es könnte sein, dass dieser WHO-Vorstoß der omniprĂ€senten „FĂŒnf-am-Tag“-Kampagne in die Karten spielen soll, denn deren „Kern-Absatzprodukte“ werden durch diesen Bevormundungsvorstoß nicht konterkariert. Ansonsten lĂ€sst sich derartig unerklĂ€rliches Vorpreschen nur mit Maßnahmen totalitĂ€rer Staaten vergleichen, die Gesetze al gusto erlassen – es geht, wie so oft, um Machterhalt und Deutungshoheit. Auch die WHO muss ein wichtiger Player im GeschĂ€ft mit der ErnĂ€hrung bleiben.

Liegt's am Fast Food oder am Kaiserschnitt?

Zum Abschluss dieses Textes unterstĂŒtzen wir die Kampagneros mit einer internationalen Kombination passender Fakten. In Mexiko, laut UN-Angaben im Jahr 2013 die fetteste Industrienation noch vor den USA, gilt seit Ende 2013 eine Strafsteuer auf Fast Food und SĂŒĂŸigkeiten. Das offizielle Ziel dieser Maßnahme: Die Regierung will den Kampf gegen das grassierende Übergewicht gewinnen. Gleichzeitig ist Mexiko Spitzenreiter unter den OECD-LĂ€ndern bei Kaiserschnitten, Deutschland liegt mit ĂŒberdurchschnittlichen Schnittraten auf Platz elf (TK-Geburtenreport 2017). Nun muss man wissen: Die Kaiserschnittgeburt gilt als Risikofaktor fĂŒr Übergewicht.

Beispielsweise waren einer Studie der Harvard University zufolge im Alter von drei Jahren doppelt so viele Kaiserschnitt-Kinder dick im Vergleich zu natĂŒrlich Geborenen. Vielleicht ist Schnitt-Spitzenreiter Mexiko dieser Zusammenhang nicht bekannt? Vielleicht aber kennen ihn die Baden-WĂŒrttemberger, denn hier startete 2014 eine Kampagne zur natĂŒrlichen Geburt, mit dem Ziel, die Kaiserschnittrate zu senken. Eine Pommes-Steuer hingegen gibt es im „LĂ€ndle“ nicht. Stattdessen aber könnte die interkulturelle Empfehlung aus Stuttgart fĂŒr Mexiko lauten: „Statt Steuern auf Fritten: Senkung von Kaiserschnitten!“

Fazit: Der gesamte staatliche Aktionismus zur Bevormundung des bĂŒrgerlichen Essverhaltens basiert auf reiner WillkĂŒr. Jeder sollte die entsprechenden Vorhaben seiner Partei kennen – um bei der nĂ€chsten Wahl nicht nur ĂŒber den Tellerrand zu blicken, sondern auch hinein.

„Glaube an ausgewogene ErnĂ€hrung“?

Daher sei darauf hingewiesen, dass die Bundesregierung in der derzeitigen Legislaturperiode (2017–2021) sowohl das Ampelsystem als auch „Zuckersteuer & Co.“ (noch) ablehnt – das ist ein respektables Standing contra öffentlich omniprĂ€sente ernĂ€hrungsapostolische Forderungen nach Zwangsmaßnahmen! Welchen Stellenwert die Regierung generell dem Thema „gesunde“ ErnĂ€hrung zubilligt, verdeutlichen folgende Zahlen sehr schön: Im Haushalt des Bundesministeriums fĂŒr ErnĂ€hrung und Landwirtschaft sind 2019 fĂŒr die Information von Verbraucherinnen und Verbrauchern insgesamt 20 Millionen Euro vorgesehen.

Zwölf Millionen Euro werden davon in „Maßnahmen zur Förderung ausgewogener ErnĂ€hrung“ investiert. Das neu initiierte Aktionsprogramm „Gesunde ErnĂ€hrung von Seniorinnen und Senioren“ soll dabei einen wesentlichen Beitrag zur PrĂ€vention von ernĂ€hrungsmitbedingten Krankheiten leisten. Bei einem Gesamtetat in Höhe von rund 6,2 Milliarden Euro fĂŒr 2019 scheint der „Glaube an ausgewogene ErnĂ€hrung“ klar ... nicht vorhanden. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es sehr begrĂŒĂŸenswert, dass in diesem Glaskugelbusiness keine horrenden Summen unserer Steuergelder verbrannt werden.

Anders sieht es bei den Kollegen vom Bundesministerium fĂŒr Bildung und Forschung aus. Das BMBF finanziert den Kompetenzcluster fĂŒr ErnĂ€hrung und kardiovaskulĂ€re Gesundheit (nutriCARD) fĂŒr weitere drei Jahre ab 2018 mit insgesamt rund 5,6 Millionen Euro. Das Verbundprojekt der UniversitĂ€ten Halle, Jena und Leipzig verforscht diese unsere Steuergelder, um „die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern“. So wurde in der ersten Förderphase beispielsweise – kein Scherz – eine „herzgesunde Leberwurst“ entwickelt, die mit Omega-3-FettsĂ€uren angereichert ist.

UnabhĂ€ngig davon, dass vom Leberwurstbrot sicher kein einziger Herzinfarkt vermieden wird (geschweige denn, dass es dafĂŒr jemals einen Beweis geben wird), bestĂ€tigte Mitte 2018 eine große hochwertige Studie: „Millionen von Menschen nehmen Omega-3-FettsĂ€uren als Tabletten zur HerzerkrankungsprĂ€vention ein. Doch das können sie sich sparen. ‚Es gibt keine einzige Rechtfertigung fĂŒr die Einnahme von Omega-3-FettsĂ€uren‘, lautet das vernichtende Urteil von Dr. Louise Bowman, die die Ergebnisse der bisher grĂ¶ĂŸten randomisierten Studie zur kardiovaskulĂ€ren Wirkung von Omega-3-FettsĂ€uren beim ESC-Kongress 2018 in MĂŒnchen prĂ€sentiert hat“ (Ärzte Zeitung). Erst ein paar Monate zuvor hatte eine Meta-Analyse von zehn randomisierten Studien mit fast 78.000 Teilnehmern, publiziert im JAMA Cardiology, klar gezeigt, dass Omega-3-FettsĂ€uren keine Wirkung auf die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben oder gar die Sterblichkeit senken.

Aber das war den deutschen Uni-Forschern wurst, denn sie verwursteten Millionen Euro an Steuergeldern, um die nutzlosen Fischfette in die Leberwurst zu mischen ...

Fleisch und Fleisch gesellt sich gern

Fleisch ist böse – und wer Fleisch isst, auch. So denken zumindest viele Tierliebhaber, die Steak, Wurst und Schnitzel fĂŒr die Wurzel körperlichen Übels halten. Dabei haben sie besonders die roten Sorten auf dem Kieker. Am Rande erwĂ€hnt: Eine wissenschaftlich exakte und international einheitliche Definition von rotem und weißem Fleisch existiert nicht. Ob Straußenfleisch beispielsweise zu weißem (GeflĂŒgel) oder rotem (Farbe) Fleisch gezĂ€hlt wird, obliegt dem Gusto der Forscher. Ein Schnitzel ist zwar eher weiß als rot, gehört aber meist zu Rotfleisch. Bei einer Weißwurst sehen die Wissenschaftler ebenfalls rot, das muss man erst einmal verarbeiten. Wo fĂ€ngt die Fleischverarbeitung an, wo hört sie auf? Auch das entscheidet die kategorische WillkĂŒr der Wissenschaftler.

Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum: So, wie beim Obst und GemĂŒse kein Beweis dafĂŒr existiert, dass es der Gesundheit nĂŒtzt, so liegt auch fĂŒr den Fleischkonsum kein wissenschaftlicher Beleg vor, dass er schadet. Wenn ĂŒberhaupt, so haben die Studien auch hier nur Korrelationen ergeben.

Wie aber soll die Wurst zuckerkrank machen? Es könnten Begleitstoffe schuld sein, eventuell gibt es auch andere potenzielle Ursachen, die jedoch noch weiter erforscht werden mĂŒssen. Das ist ĂŒbrigens der Lieblingssatz, mit dem alle ErnĂ€hrungsstudien enden: „Da noch andere, unbekannte GrĂŒnde fĂŒr die entdeckten ZusammenhĂ€nge verantwortlich sein können, sind weitere Forschungen nötig.“ Weitere Forschungen, immer weiter. So machen die Studienleiter stets gebetsmĂŒhlenartig darauf aufmerksam, dass ohne weitere Forschungsgelder alles ErnĂ€hrungswissen vage bleibt. Unter uns: Das wird auch so bleiben.

Fleisch ist nicht „böse“

Ein weiteres ungeschriebenes Gesetz der ErnĂ€hrungsforschung lautet: „Zu jeder Studie gibt es eine Gegenstudie.“ Das gilt natĂŒrlich auch fĂŒr das „böse“ Fleisch. Zwei unabhĂ€ngige Metaanalysen von der UniversitĂ€t Cambridge (2014, 72 Studien) und im British Medical Journal (2015, 73 Studien) ergaben beispielsweise: Tierische Fette (gesĂ€ttigte FettsĂ€uren) haben keinen Einfluss auf Herzkrankheiten und Sterblichkeit. Damit bestĂ€tigten die Forscher eine vorherige Auswertung von 57 Studien: Es ist kein Zusammenhang (Korrelation) zwischen Fleischverzehr und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erkennbar. DarĂŒber hinaus mahnte ein Kardiologe im renommierten British Medical Journal (BMJ), dass der Mythos von gesĂ€ttigten Fetten (aus Fleisch) als Verursacher von Herz-Kreislauf-Erkrankungen „zerstört“ werden mĂŒsse.

Dem entspricht die erste große Metaanalyse ausschließlich von RCTs („Randomised Clinical Trials“), also hochwertiger klinischer Studien, die im Januar 2017 ergab: Der tĂ€gliche Verzehr von mehr als einer halben Portion (> 35 Gramm) rotem Fleisch (verarbeitet und unverarbeitet) hat keinen Einfluss auf die wesentlichen Risikofaktoren fĂŒr Herz-Kreislauf-Krankheiten (LDL/ HDL/ Total-Cholesterin, Triglyceride, Blutdruck). FĂŒr die Studie, die im Topjournal der American Society for Nutrition, dem American Journal of Clinical Nutrition, publiziert wurde, analysierten die Autoren 945 Studien, von denen 24 RCTs ihre QualitĂ€tskriterien erfĂŒllten und ausgewertet wurden. Die Wissenschaftler, die ihre Studie als „erste RCT-Metaanalyse dieser Art“ sehen, fanden auch keinen Hinweis, dass ein deutlich höherer Fleischkonsum als 35 Gramm pro Tag die KHK-Risikofaktoren beeinflusst.

Als „HackhĂ€ubchen“ sei noch eine weitere Großstudie von Anfang 2017 erwĂ€hnt, bei der mehr als 267.000 Australier hinsichtlich des hĂ€rtesten (und klarsten) aller Studienendpunkte beobachtet wurden: Die Wissenschaftler konnten keinen Unterschied in der Sterblichkeit (~ 17.000 TodesfĂ€lle) zwischen Fleischessern und diversen Formen vegetarischer ErnĂ€hrung (Vegetarier, Flexitarier [≀ 1 x pro Woche Fleisch], Fischvegetarier) feststellen (Preventive Medicine).

Deutsche Kardiologen: Ein Herz fĂŒr Fleisch!

Und die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Kardiologie (DGK) e.V. lancierte anlĂ€sslich des EuropĂ€ischen Kardiologenkongresses 2018 folgende Pressemeldung: „Neue internationale Studie mit mehr als 218.000 Teilnehmern aus ĂŒber 50 LĂ€ndern empfiehlt Umdenken bei herzgesunder ErnĂ€hrung: Fleisch und Milchprodukte. Zum Beispiel zeigen unsere Ergebnisse, dass Milchprodukte und Fleisch herzgesund sind und zur Langlebigkeit beitragen. Das weicht von herkömmlichen ErnĂ€hrungsempfehlungen ab.“ Randnotiz: Sie wissen ja jetzt, dass kein Kausalzusammenhang hergestellt werden kann, das ist frei erfunden, denn auch hier handelt es sich, wie ĂŒblich, um eine Beobachtungsstudie. Die DGK macht es aber einfach trotzdem ... Aus Liebe zum Filetsteak auf dem eigenen Teller?

Blicken wir noch kurz nach unten, vom Herz zum Darm. Auch hier hat die Wissenschaft Mitte 2015 klare Erkenntnisse vorgelegt: Rotes Fleisch ist kein Risikofaktor fĂŒr Darmkrebs (Metaanalyse von 27 oecotrophologischen „Goldstandard Studien“ [prospektive Kohortenstudien], Journal of the American College of Nutrition). Interessanterweise ergab 2009 die Analyse der wichtigsten ErnĂ€hrungsstudie EPIC (Oxford): Vegetarier haben hĂ€ufiger Darmkrebs als Fleischesser ...

Und 2018 stellte die Patienteninformationsseite „gesundheitsinformation.de“ des IQWiG (Institut fĂŒr QualitĂ€t und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) klar: „Es gibt bisher keine randomisierten Studien, die belegen, dass es vor Darmkrebs schĂŒtzt, wenn man weniger rotes und verarbeitetes Fleisch isst.“ Und nur der VollstĂ€ndigkeit halber, weil das IQWiG als Quelle so schön als seriös, evidenzbasiert, unabhĂ€ngig und damit als vollumfĂ€nglich glaubwĂŒrdig einzustufen ist: „Ballaststoffe können das Darmkrebsrisiko wahrscheinlich kaum oder gar nicht senken.“ Aller guten Statements sind drei, ergo noch diese Tatsachendarstellung der Gesundheitsinformanten: „Das internationale Forschungsnetzwerk Cochrane fand keine ĂŒberzeugenden Belege dafĂŒr, dass Menschen, die viel Obst und GemĂŒse essen, seltener an Darmkrebs erkranken.“

Zur Erinnerung: Die bereits erwĂ€hnte EPIC-Studie beobachtete auch, dass nicht die FleischverĂ€chter am lĂ€ngsten leben, sondern die moderaten Fleischesser. Leicht irritierend hingegen wirkt die folgende „Freigeistkorrelation“: Die Österreicher „knacken“ als einziges EU-Land die 100-Kilo-Marke beim Fleischkonsum pro Kopf und Jahr. Damit sind sie die Nummer 1 in Europa – und ihre Lebenserwartung liegt höher als die der Griechen, die nur knapp halb so viel Fleisch essen wie die Österreicher (Quelle: Statista, 2019).

VerlÀngert rotes Fleisch das Leben?

Telo-was? Telomere. Das sind die Schutzkappen am Ende der Chromosomen (Erbgut), die als Indikator fĂŒr die Lebenszeit der Zellen fungieren – sozusagen die „ZĂŒndschnur“ des Lebens, die immer kĂŒrzer wird, bis die Zelle stirbt. Je lĂ€nger diese Telomere sind, desto lĂ€nger leben die Zellen. Daher wird diskutiert, ob Menschen mit langen Telomeren durchschnittlich lĂ€nger leben als solche mit kurzen. Nun hat eine neue Studie von 2017 Folgendes gezeigt: Kinder, die im ersten Lebensjahr am hĂ€ufigsten krank waren, hatten die kĂŒrzesten Telomere – also ein schlechtes Zeichen, denn die „kurzen Kappen“ können auf frĂŒhzeitige Zellalterung, drohende Krankheiten und schlimmstenfalls gar auf ein kurzes Leben hindeuten. Wenn diese Kinder dann im Alter noch dazu zu viel rumsitzen, dann ist das gar doppelt schlecht fĂŒr deren Telomere – denn einer weiteren Untersuchung der University of California aus 2018 zufolge haben Ă€ltere Frauen zwischen 64 und 95 Jahren, die am meisten sitzen und sich am wenigsten bewegen, die kĂŒrzesten Telomere. Aber was wĂ€ren die modernen ErnĂ€hrungswissenschaften, wenn es hier nicht auch ein paar passende Studien gĂ€be, die hoffnungsfroh stimmen!

So penetrierte im Sommer 2016 eine neue Studie das Sommerloch mit folgendem Erguss: Fleischesser haben die lĂ€ngsten! Auch wenn diese Schlagzeile so manchen mĂ€nnlichen Steakliebhaber in seiner Manneskraft bestĂ€tigen mag, die Wissenschaftler zeigten stattdessen: Rotfleischesser haben die lĂ€ngsten Telomere. Und nur kurze Zeit spĂ€ter gab die VeterinĂ€rmedizinische UniversitĂ€t Wien in einer Pressemeldung anlĂ€sslich ihrer neuen Studie bekannt: „Ein voller Bauch verjĂŒngt den SiebenschlĂ€fer ... Ausgiebige Mahlzeit hĂ€lt Zellen jung“. Die Wiener Forscher zeigten, dass die TelomerlĂ€nge der SiebenschlĂ€fer direkt vom Nahrungsangebot abhing. Nur bei zusĂ€tzlichem Futterangebot konnte die gleiche LĂ€nge oder sogar eine VerlĂ€ngerung der Endkappen festgestellt werden.

Lautet die freigeistige „Kombination der Korrelation“ aller hier aufgefĂŒhrten Telomerforschungen etwa: Um das verfrĂŒhte Abfackeln der LebenszeitzĂŒndschnĂŒre bei hĂ€ufig kranken Kindern, die als Erwachsene viel sitzen, zu verlangsamen, gebt diesen Kindern Fleisch zu essen und lasst sie sich ordentlich den Bauch vollschlagen?! Zugegebenermaßen eine gewagte These, die jedoch aufgrund der Studienlage moderat „plausibilitĂ€tsgestĂŒtzt“ daherkommt ... Sie können auch einfach nur darĂŒber lachen, das ist sicher okay. Oder Sie halten sich an das zentrale Credo aller forschenden ErnĂ€hrungswissenschaftler, denn auch die „Fleischesser-haben-die-lĂ€ngsten-Telomere“-Studie endet natĂŒrlich mit deren Lieblingssatz: „Weitere Studien mĂŒssen durchgefĂŒhrt werden, um diesen Zusammenhang noch nĂ€her zu beleuchten.“

Moderate Fleischgenießer leben lĂ€nger

Zum Abschluss dieses Kapitels blicken wir kurz in die Vergangenheit auf die prĂ€historische Speisekarte unserer Vorfahren: Die engsten Verwandten des Homo sapiens, die Neandertaler, verzehrten hauptsĂ€chlich Fleisch, ergĂ€nzt um pflanzliche Lebensmittel. Und diese Vorliebe fĂŒr Fleisch hat höchstwahrscheinlich auch den Aufstieg der FrĂŒhmenschen begĂŒnstigt, wie 2012 eine Studie im naturwissenschaftlichen Fachmagazin Nature bekrĂ€ftigte: Die ersten Vertreter der Gattung Homo aßen wohl mehr Fleisch als ihre „Erd-Mitbewohner“ anderer Gattungen, was ihnen einen evolutionsbiologischen Vorteil verschaffte. Dem entspricht auch die klare Aussage von Prof. Dr. Hermann Parzinger, PrĂ€sident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, in der ZDF-Sendung Terra X (Mai 2018): „Die Vermehrung des Fleischkonsums fĂŒhrte natĂŒrlich auch, neben vielen weiteren Auswirkungen, zu einer VergrĂ¶ĂŸerung des Gehirns, zu einem ausgeprĂ€gten Hirnwachstum, was den Menschen zu ganz anderen Leistungen befĂ€higt hat.“

Kurzum: Fleisch ist ein natĂŒrliches Grundnahrungsmittel unserer Spezies, dessen gesundheitsapostolische Verteufelung absolut absurd ist. So sehen es auch fast 90 Prozent der Teilnehmer einer Meinungsumfrage im Auftrag von Deutschlands grĂ¶ĂŸter Gesundheitszeitschrift: „Es ist naturbedingt und selbstverstĂ€ndlich, dass Menschen Fleisch essen“ (Apotheken Umschau, 2012). Nur so am Rande erwĂ€hnt: Dieses Statement gilt sicher auch fĂŒr eines der natĂŒrlichsten und hochwertigsten Lebensmittel zugleich: das Ei. Und so ist es mehr als begrĂŒĂŸenswert, dass seit Ende 2016 in den offiziellen US-amerikanischen ErnĂ€hrungsrichtlinien nicht mehr vor cholesterinhaltigen Lebensmitteln gewarnt wird. Nahrungs-Cholesterin sei unbedenklich und keine Gefahr fĂŒr die Gesundheit. Eier und Co. sind „rehabilitiert“. Die Autoren begrĂŒnden den „Rausschmiss“ damit, dass in der vorliegenden wissenschaftlichen Literatur kein nennenswerter Zusammenhang zwischen Cholesterin in der Nahrung und Cholesterin im Blut zu erkennen sei. Wenn das die ErklĂ€rung ist, was wird da wohl alles noch dem Cholesterin folgen und aufgrund mangelnder Evidenz aus den Leitlinien verbannt? Etwa Fleisch?

Fazit: Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage dafĂŒr, dass weniger Fleischverzehr mehr Gesundheit bringt. Ein lĂ€ngeres Leben haben die fleischfreien Esser auch nicht. Manch namhafte Vorzeigestudien wie EPIC zeigen gar das Gegenteil – moderate Fleischgenießer leben am lĂ€ngsten.

Uwe Knop (geb. 1972) ist Diplom-ErnĂ€hrungswissenschaftler. Er arbeitet seit vielen Jahren im Kommunikationsbereich der Gesundheits- und Medizinbranche und ist Kritiker der Manie um gesunde ErnĂ€hrung. Dies ist sein Auszug aus seinem neuen Buch „Dein Körpernavigator. Zum besten Essen aller Zeiten“, Uwe Knop, 2019, Heidelberg: Polarise-Verlag, hier bestellbar

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