Debattenkultur im Netz: Kommt aus Euren gallischen Dörfern!

"Die Debattenkultur im Netz ist hinüber. Jeder sitzt in seinem gallischen Meinungs-Dorf und hält sich für den Helden. Das muss aufhören."

sagt Christian Rentrop. Wie fein wir uns gruseln, wenn wir jemanden Nazi nennen. Oder Kommunist. Oder Ökofaschist. Und dabei vergessen, was Nazis, Kommunisten und Faschisten der Menschheit angetan haben. Wie viele Millionen wegen dieser irrwitzigen Ideologien ihr Leben lassen mussten. Wie fein wir uns wie Widerständler im Kampf für die gerechte Sache gegen eben diese Mörderbanden fühlen können, wenn wir unser völlig harmloses, aber vielleicht unterbemitteltes Gegenüber auf Facebook und Co. mit diesen Unmenschen vergleichen. Ehrlich: Muss das sein? Wie wäre es mit ein wenig mehr Sachlichkeit und Verständnis für die Position des Gegenübers? Kurzum: Mit gepflegter Debattenkultur im Netz statt Klopperei wie bei Asterix?

Ich hab‘ Euch etwas mitgebracht: HASSHASSHASS!

Der Sinn einer Demokratie ist es schließlich, verschiedene Meinungen und Positionen zu vertreten und gegebenenfalls auch verbal auszufechten. Niemand hat die einzig wahre Wahrheit gepachtet, und Konsens ist das Schlimmste, was einer funktionierenden Gesellschaft passieren kann, In den letzten Monaten und Jahren hat sich die Debattenkultur im Netz komplett verändert. Sie war vorher schon blöd, inzwischen gilt scheinbar: Wer am lautesten schreit hat recht – und wer dem Gegner als erstes antidemokratischen Umtrieb unterstellt, bekommt in seiner Peergroup Gummipunkte. Man klopft sich auf die Schulter, weil man sich so gut und richtig fühlt, dabei aber in einer hassgeschwängerten Meinungsblase verharrt, die keine anderen Meinungen mehr zulässt.

Für die gerechte Sache!

Wer derzeit Diskussionen im Netz verfolgt, wird dabei immer wieder die gleiche Dynamik feststellen. Jemand postet etwas, sagen wir: Für oder gegen Greta Thunberg oder Donald Trump. Zunächst meldet sich die eigene Meinungsblase und klopft virtuell auf die Schulter: „Toll zusammengefasst!“ „Musste mal gesagt werden!“ „Du bist der Geilste und ich will Deine Zehen lutschen!“ Der solcherart gebauchpinselte Original-Poster wird in seiner Meinung bestärkt und da er aus seiner Sicht für die gerechte Sache kämpft, folgen von seiner Seite logischerweise nur noch selbstgerechte Beiträge, die man getrost ignorieren kann.

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Wenig später kommt der erste Troll der Gegenseite daher: „Buh, das stimmt nicht!“ „Du hast doch keine Ahnung, wie es wirklich ist!“ „War ja klar, dass DU sowas postest, elendes Nazikommunistökofaschistkapitalistislamistenschwein!“ Und schon geht es los: Man kloppt sich virtuell bis tief unter die Gürtellinie. Wo die Worte fehlen, wird beleidigt. Wo Beleidigungen nicht ziehen, werden alberne Meme-Bilder eingesetzt. Zwischendurch melden sich immer wieder Klugscheißer der einen oder anderen Seite, die mehr oder weniger halbseidene „Faktencheck“-Websites zitieren oder verlinken. Dann setzt ein vulgäres Hauen und Stechen ein und am Ende ist völliges Chaos oder gar Shitstorm. Wer am lautesten schreit und die Masse hinter sich zu haben glaubt, meint sich im Recht. Wer sich überrumpelt fühlt, zieht beleidigt von dannen. Nach einigen Stunden oder Tagen sorgt der Algorithmus dann für Stille und beim nächsten Post geht es von vorne los.

Alle sitzen in ihrem gallischen Dorf

Die ganze Dynamik ist übrigens nicht neu, sondern ganz wunderbar in den Asterix-Comics von Uderzo und Goscinny beschrieben, lange vor der Erfindung des Internets. Damit ist sie wohl grundsätzlich menschlich. In den Comics gibt es zwei typische Prügelei-Settings: Die interne Massenschlägerei, die in aller Regel mit einem kleinen Streit und einem in ein Gesicht klatschenden Fisch beginnt. Und die externe Klopperei mit den Römern, die regelmäßig an die Tür des eingezäunten und befestigten gallischen Dorfes klopfen. Die gar nicht liebenswerten Diskutanten im Netz führen sich genauso auf wie die sehr liebenswerten Comic-Bretonen: Die eigene Position wird stur und auf Teufel komm raus ausgefochten, egal, ob die Bedrohung von innen (kleinere Meinungsverschiedenheit im Dorf/der Bubble) oder von außen (Römer als permanente Gefahr/Menschen mit anderen Positionen außerhalb der Bubble) kommt. Am Ende gibt es viele virtuelle Beulen und Veilchen, aber es ändert sich nichts. Übrigens: Abweichler aus der eigenen Bubble – bei Asterix ist es der Barde Troubadix, im Netz vielleicht ein Freund/Bekannter, der anderer Meinung ist – werden virtuell gefesselt und geknebelt und an einen Baum gehängt. Das ist doch keine Art!

Kommt mal klar!

Das Problem: Alle sitzen derzeit irgendwie in ihrem gallischen Dorf, denken, sie seien im Besitz der einzigen und echten Wahrheit und halten sich für die Helden der Geschichte. Und fühlen sich gleichzeitig wie Rebellen gegen eine andersdenkende Übermacht, die es normalerweise gar nicht gibt. Wir sind die Guten, die anderen sind die Bösen. Oder, um beim Bild zu bleiben: die anderen sind die Römer, die das befestigte Dorf erobern wollen, egal, ob das jetzt gut oder schlecht wäre. Abweichler aus den eigenen Reihen, die es wagen, anderer Meinung zu sein, bekommen einen stinkigen Fisch an den Kopf. Man rückt kein Jota von der eigenen Position ab, ficht sie gnadenlos aus und mag sie noch so falsch und dämlich sein. Übrigens fehlt den meisten Menschen die für eine gepflegte Diskussion nötige Intelligenz und Empathie: Wenn der AfD-Jöppel meint, das Gegenrezept gegen „Ökofaschisten“ sei es, erst recht ein dickes Auto zu fahren und der Grünen-Dösel dafür glaubt, dass nur die Abschaffung des Kapitalismus die Menschheit rettet, dann sind das vor allem zwei dumme Meinungen, die man getrost ignorieren könnte. Trotzdem steigen die Diskutanten wieder und wieder auf die Posts dieser Dooftrolle an. Das Klima ist verseucht, Konsens-Kuschelei und eingebildetes Widerständlertum haben die Debattenkultur nachhaltig vergiftet.

Hitzige Diskussionen sind nichts Neues

Dabei sind Diskussionen ja gut und hitzige Debatten auch nichts Neues, in einer Demokratie ja sogar wünschenswert. Man sollte nur die Erdung nicht vergessen. Und versuchen, die Gegenposition zu verstehen, denn auch die hat möglicherweise ihre Berechtigung, wenn man nur wagt, über den Tellerrand zu schauen. Denn nicht jeder, der anderer Meinung ist, ist gleich ein Nazikommunistökofaschistkapitalistislamistenschwein. Genau diese Einsicht fehlt aber leider im Netz dieser Tage völlig: Es gibt kein Verständnis für die Gegenseite, nur noch Selbstgerechtigkeit, geheucheltes Heldentum und irrsinnige Linientreue im Kampf für die eigene Sache. Genau wie die Gallier sitzt man in seinem fest umzäunten Meinungsdorf und empfindet alles, was hinter dem Zaun ist, als Bedrohung. Auf diese Weise ist es kaum möglich, einen sinnvollen Kompromiss zu finden, vielmehr regiert der Trotz: Dann erst recht AfD wählen! Dann erst recht gegen Kapitalismus sein! Dann erst recht blind irgendwelchen dummen Ideologien folgen.

Wir sind alle Nazikommunistökofaschistkapitalistislamistenschweine

Was bei den Galliern im Comic übrigens ziemlich lustig ist, ist bei echten Menschen schlicht und ergreifend gefährlich. Zu oft hat man in der Geschichte Menschen anderer Meinung einen Kopf kürzer gemacht, zu oft hat freiwilliger oder erzwungener Konsens direkt in die Katastrophe geführt. Dabei hat jede Medaille zwei Seiten. Aber inzwischen werden auch die niedergebrüllt, die nur wagen, auf diese Tatsache hinzuweisen. Wer hingegen eine Seite ebenso kritik- wie gnadenlos vertritt, ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Und sollte sich fragen, ob er nicht selbst das Nazikommunistökofaschistkapitalistislamistenschwein ist, das er anderen so gerne unterstellt.

Denkt doch einfach mal kurz nach!

Es kann daher nur einen Weg geben, aus dieser unnützen und schädlichen Debattenkultur im Netz auszusteigen: Jeder, der diskutiert, sollte sich vor dem Abschicken eines Posts oder Kommentars überlegen, ob er mit seiner Position nicht vielleicht doch ein Römer ist. Ob er nicht sogar ein Vertreter der Mehrheitsmeinung ist und eben kein heldenhafter Rebell gegen ein möglicherweise über die Bubble eingebildetes systemisches Übel. Außerdem sollte er mal einen Blick über seinen virtuellen Zaun werfen. Dann wird er nämlich feststellen, dass die andere Seite möglicherweise einen guten Grund hat, eine andere Meinung zu vertreten. Das würde allerdings Humor und Selbstkritik voraussetzen, und diese beiden Tugenden sind in diesen selbstgerechten Zeiten ja leider nicht mehr en vogue.

Dieser Artikel erschien auf "Tutonaut"

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